Ab 30 °C Raumtemperatur müssen Arbeitgeber Maßnahmen ergreifen. Einen gesetzlichen Anspruch auf „Hitzefrei" gibt es nicht, wohl aber Schutzpflichten aus ArbStättV und ArbSchG. Wer nichts tut, riskiert Bußgelder bis 25.000 Euro.
Jeden Sommer fordern Mitarbeiter Hitzefrei, HR fragt sich, was Pflicht ist, und jemand zitiert eine Temperaturgrenze, die so im Gesetz nicht steht. Die Rechtslage ist eindeutiger, als viele denken.
Statt eines Anspruchs auf Hitzefrei gibt es eine Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung, Vorgaben aus der Arbeitsstättenverordnung und das TOP-Prinzip, das die Reihenfolge der Maßnahmen vorschreibt.
Inhalt
- Die Rechtslage: ArbStättV und ArbSchG
- Temperaturgrenzen: 26, 30, 35 Grad
- Gefährdungsbeurteilung nach §5 ArbSchG
- Das TOP-Prinzip: Was in welcher Reihenfolge kommt
- Technische Maßnahmen
- Organisatorische Maßnahmen
- Persönliche Schutzmaßnahmen
- Hitzefrei: Was es bedeutet und was nicht
- Homeoffice als Hitzeschutz
- Bußgelder und Haftung
- Häufige Fragen (FAQ)
1. Die Rechtslage: ArbStättV und ArbSchG
Hitzeschutz am Arbeitsplatz ist Pflicht. Die Grundlage liegt in zwei Vorschriften und einer technischen Regel, die sie konkretisiert:
- §3 ArbSchG (Arbeitsschutzgesetz): Arbeitgeber sind grundsätzlich verpflichtet, alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit ihrer Beschäftigten zu treffen. Eine Übersicht der Arbeitgeberpflichten bietet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
- §3a ArbStättV (Arbeitsstättenverordnung): Arbeitsstätten müssen so eingerichtet und betrieben werden, dass Gefährdungen der Gesundheit der Beschäftigten möglichst vermieden werden.
- ASR A3.5 (Technische Regel für Arbeitsstätten, Raumtemperatur): Konkretisiert die ArbStättV mit spezifischen Temperaturgrenzen und Maßnahmenpflichten.
Dazu kommt die allgemeine Fürsorgepflicht aus §618 BGB. Sie verpflichtet Arbeitgeber, die Arbeitsleistung so zu gestalten, dass Beschäftigte vor Gefährdungen für Leben und Gesundheit geschützt sind. Das schließt Hitze ausdrücklich ein.
Merksatz: ArbSchG und ArbStättV begründen Rechtspflichten mit Sanktionsrisiko. Offen ist im Einzelfall nur, welche Maßnahmen zumutbar und ausreichend sind.
2. Temperaturgrenzen: 26, 30, 35 Grad
Die ASR A3.5 unterscheidet drei Temperaturbereiche, die jeweils unterschiedliche Pflichten auslösen. Gemeint ist die Raumtemperatur am Arbeitsplatz, gemessen nach anerkannten Methoden.
| Temperatur | Bewertung | Pflicht des Arbeitgebers |
|---|---|---|
| Unter 26 °C | Normaler Bereich | Keine spezifischen Maßnahmen erforderlich |
| 26–30 °C | Erhöhter Bereich | Maßnahmen prüfen, bei leichten Tätigkeiten tolerierbar |
| 30–35 °C | Kritischer Bereich | Maßnahmen verpflichtend (Gefährdungsbeurteilung + TOP-Prinzip) |
| Über 35 °C | Nicht zulässig als Arbeitsraum | Raum ist nicht als Arbeitsraum geeignet, alternative Lösung erforderlich |
Die 35-°C-Grenze bedeutet keine automatische Freistellung. Sie bedeutet, dass der betroffene Raum nicht mehr als regulärer Arbeitsraum gilt und der Arbeitgeber alternative Lösungen finden muss, zum Beispiel Umzug in einen kühleren Bereich, Heimarbeit oder Arbeitszeitanpassung. Klappt das nicht, kann die Aufsichtsbehörde die Arbeit für diesen Raum untersagen.
3. Gefährdungsbeurteilung nach §5 ArbSchG
Die Gefährdungsbeurteilung ist das wichtigste Instrument des betrieblichen Arbeitsschutzes, und bei Hitze ist sie Pflicht: §5 ArbSchG verpflichtet Arbeitgeber, alle relevanten Gefährdungen zu ermitteln und zu dokumentieren, und Hitze gehört dazu.
Bei Hitze umfasst die Gefährdungsbeurteilung:
- Erfassung der betroffenen Arbeitsplätze und deren typischen Sommertemperaturen
- Bewertung der körperlichen Belastung (Büroarbeit vs. körperliche Arbeit)
- Berücksichtigung besonders schutzbedürftiger Gruppen (ältere Beschäftigte, Schwangere, Vorerkrankte)
- Festlegung konkreter Maßnahmen mit Verantwortlichen und Terminen
- Dokumentation und regelmäßige Überprüfung
Häufiger Fehler: Viele Unternehmen haben eine allgemeine Gefährdungsbeurteilung, in der Hitze fehlt. Das reicht nicht. Wenn die Aufsichtsbehörde kontrolliert und Hitzeschutz fehlt, droht eine formale Beanstandung. Dann holst du die Beurteilung unter Druck nach. Mach sie vorher.
4. Das TOP-Prinzip: Was in welcher Reihenfolge kommt
Das TOP-Prinzip schreibt gesetzlich vor, in welcher Reihenfolge du Schutzmaßnahmen ergreifst. TOP steht für:
Maßnahmen an der Arbeitsstätte selbst: Klimaanlage, Jalousien, Sonnenschutzfolien, bauliche Verbesserungen. Sie haben Vorrang, weil sie an der Ursache ansetzen.
Arbeitsabläufe und -zeiten anpassen: Hitzepausen, kühlere Arbeitszeiten, Rotation. Diese Maßnahmen kommen erst dann, wenn technische Lösungen nicht ausreichen oder nicht umsetzbar sind.
Bereitstellung von Getränken, leichter Kleidung oder persönlicher Schutzausrüstung. Diese Maßnahmen ergänzen technische und organisatorische Maßnahmen, ersetzen sie aber nicht.
Viele Unternehmen starten mit P (Wasserflasche hinstellen) statt mit T und O. Das erfüllt die Schutzpflicht nicht, wenn technisch machbare Lösungen ignoriert werden.
5. Technische Maßnahmen
Technische Maßnahmen haben im TOP-Prinzip Vorrang. Ließe sich eine Klimaanlage einbauen und ist sie wirtschaftlich zumutbar, prüfst du sie vor allem anderen.
Typische technische Maßnahmen im Überblick
- Außenliegende Sonnenschutzsysteme: Jalousien, Rollos und Markisen außen sind deutlich wirksamer als innenliegende Vorhänge. Die ASR A3.5 empfiehlt ausdrücklich außenliegenden Sonnenschutz.
- Klimaanlagen und Kühlsysteme: Zentralklimaanlagen, Split-Geräte oder mobile Klimageräte. Mobile Geräte haben begrenzte Wirkung und erzeugen Abwärme, sind aber kurzfristig einsetzbar.
- Ventilatoren: Sie kühlen nicht, aber die Luftbewegung senkt die gefühlte Temperatur und verbessert das Raumklima.
- Nachtlüftung: Räume nachts durchlüften, Wärme abführen, morgens früh schließen. Das wirkt vor allem in gut gedämmten Gebäuden.
- Wärmeschutz an Fenstern: Sonnenschutzfolien als temporäre Lösung, wenn bauliche Maßnahmen nicht möglich sind.
Mietimmobilien: Viele Arbeitgeber sind Mieter und können bauliche Maßnahmen nicht allein entscheiden. In diesem Fall ist eine Abstimmung mit dem Vermieter erforderlich. Das entbindet den Arbeitgeber aber nicht davon, zumutbare Alternativen (mobile Klimageräte, Folien, Ventilatoren) umzusetzen.
6. Organisatorische Maßnahmen
Wenn technische Maßnahmen nicht ausreichen oder erst umgesetzt werden, greifen organisatorische Anpassungen. Sie kosten meist wenig, verlangen aber Planung und Absprachen im Team.
- Arbeitszeiten verschieben: Frühschichten statt Mittagshitze, Kernarbeitszeiten verlegen auf 7–13 Uhr. Das erfordert bei tarifgebundenen oder mitbestimmten Betrieben ggf. eine Betriebsvereinbarung oder Zustimmung des Betriebsrats.
- Zusätzliche Kurzpausen: Die ASR A3.5 empfiehlt bei körperlicher Arbeit und hoher Wärmebelastung kürzere Arbeitsabschnitte mit mehr Pausen. Diese Pausen sind Arbeitszeit und bezahlt.
- Raumrotation: Wenn einzelne Räume deutlich kühler sind, können Arbeitsplätze temporär verlegt werden.
- Dresscode lockern: Krawatten, Sakko und formelle Kleidung freistellen. Ausnahmen gelten, wo Schutzkleidung vorgeschrieben ist.
- Hitzearbeit reduzieren: Körperlich schwere oder wärmeerzeugende Tätigkeiten in kühlere Tageszeiten legen.
7. Persönliche Schutzmaßnahmen
Persönliche Maßnahmen ergänzen die technischen und organisatorischen. Sie sind die dritte Stufe des TOP-Prinzips und ersetzen die ersten beiden nicht.
- Getränke bereitstellen: Keine gesetzliche Pflicht, aber dringend empfohlen von DGUV und ArbStättV. Wasser und kühle Getränke in Arbeitsnähe reduzieren Hitzekrankheiten messbar. Wer nichts stellt, verletzt möglicherweise seine Fürsorgepflicht nach §618 BGB.
- Sonnencreme für Außenarbeiter: Für Arbeit im Freien (Bau, Garten, Logistik) gehört Lichtschutz zur persönlichen Schutzausrüstung, die der Arbeitgeber bereitstellen muss.
- Schutzkleidung: In bestimmten Bereichen gibt es hitzereduzierte Arbeitskleidung (leichtere Materialien, Kühlwesten). Zuständig ist die Berufsgenossenschaft für branchenspezifische Empfehlungen.
- Schulung und Sensibilisierung: Beschäftigte über Hitzezeichen informieren (Hitzekrampf, Hitzeerschöpfung, Hitzschlag) und klären, wann sie sich beim Vorgesetzten melden sollen.
8. Hitzefrei: Was es bedeutet und was nicht
„Hitzefrei" kennst du aus der Schulzeit. Im Arbeitsleben gilt es so nicht. Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch auf Hitzefrei für Arbeitnehmer. Weder das ArbSchG noch die ArbStättV sehen vor, dass Beschäftigte ab einer bestimmten Temperatur automatisch nach Hause geschickt werden müssen.
Möglich ist aber Folgendes:
- Arbeitgeber kann Beschäftigte nach Hause schicken: Wenn Maßnahmen ausgeschöpft sind und trotzdem eine unzumutbare Situation besteht, kann der Arbeitgeber freiwillig Hitzefrei gewähren. Die Lohnfortzahlungspflicht bleibt: Hitzefrei ist eine bezahlte Freistellung.
- Aufsichtsbehörde kann Arbeit untersagen: Wenn ein Arbeitsraum über 35 °C hat und keine Abhilfe möglich ist, kann die zuständige Behörde (Gewerbeaufsicht) einschreiten und den Betrieb des Raums untersagen.
- Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen: In einigen Branchen gibt es tarifliche Regelungen, die bei bestimmten Temperaturen Freistellungen oder Kurzpausenregeln vorsehen. Diese Ansprüche folgen dann aus dem Vertrag.
Achtung Lohnfortzahlung: Wer Beschäftigte bei Hitze nach Hause schickt, bleibt zur Lohnzahlung verpflichtet. Es sei denn, es liegt ein anderer Grund vor (z.B. Kurzarbeit, Betriebsstillstand durch höhere Gewalt). Hitzefrei auf Kosten der Mitarbeiter (unbezahlt) ist rechtlich nicht möglich.
9. Homeoffice als Hitzeschutz
Viele Unternehmen nutzen Homeoffice-Regelungen an besonders heißen Tagen als flexible Lösung. Arbeitsrechtlich geht das, wenn folgende Punkte stimmen.
Was beachtet werden muss
- Kein einseitiges Recht des Arbeitnehmers: Ohne entsprechende Regelung im Arbeitsvertrag oder einer Betriebsvereinbarung haben Beschäftigte keinen Anspruch auf Homeoffice, auch nicht wegen Hitze.
- Kein einseitiges Anordnungsrecht des Arbeitgebers: Umgekehrt kann der Arbeitgeber Homeoffice für Hitzetage auch nicht einfach anordnen, wenn das vertraglich nicht vereinbart ist.
- Einvernehmliche Lösung empfohlen: Die praktischste Lösung ist eine freiwillige Vereinbarung, die Hitzepuffer-Tage im Homeoffice ermöglicht, ohne dass daraus ein Dauerrecht entsteht.
- Arbeitgeberverantwortung gilt auch zu Hause: Auch im Homeoffice ist der Arbeitgeber für den Arbeitsschutz verantwortlich. Eine Gefährdungsbeurteilung sollte den Heimarbeitsplatz einschließen.
Praxis-Tipp: Wer flexible Homeoffice-Regelungen für Hitzetage einführen möchte, sollte das schriftlich festhalten, entweder im Arbeitsvertrag, als Zusatzvereinbarung oder in einer Betriebsvereinbarung (bei vorhandenem Betriebsrat). Schriftliche Regeln verhindern späteren Streit über Erwartungen. Solche Regelungen lassen sich gut im Mitarbeiterhandbuch dokumentieren.
10. Bußgelder und Haftung
§25 Abs. 1 ArbSchG sieht bei Ordnungswidrigkeiten Bußgelder bis 25.000 Euro vor. Zuständig für die Kontrolle sind die Arbeitsschutzbehörden der Länder (je nach Bundesland: Gewerbeaufsicht, Landesamt für Arbeitsschutz oder Bezirksregierung).
Die Behörde kontrolliert:
- Liegt eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung vor, die Hitze berücksichtigt?
- Sind die Maßnahmen dokumentiert und tatsächlich umgesetzt?
- Gibt es Unterweisungsnachweise für Beschäftigte?
- Werden Temperaturen bei Bedarf gemessen und protokolliert?
Darüber hinaus können Beschäftigte bei hitzebedingten Gesundheitsschäden zivilrechtlich Schadensersatz nach §618 BGB geltend machen, wenn der Arbeitgeber seine Fürsorgepflicht verletzt hat. Mit dokumentiertem Hitzeschutz senkst du also auch dein Haftungsrisiko.